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Hochformate
je 40 x 30 cm  


Querformate
je 30 x 40 cm


Öl auf Leinen

Text:
Bettina Edith Maassen


Die in diesem Katalog versammelten Bilder sind Familienbilder der Malerin Claudia Grünig.
Jedem einzelnen von ihnen liegt eine Aufnahme aus der Kindheit der Künstlerin zugrunde.
Irgendetwas unterscheidet sie aber doch vom Original. Dieses Gefühl stellt sich bei der Betrachtung unmittelbar ein, ohne dass wir einen Blick in das "wirkliche" Fotoalbum der Familie werfen müssten.
Um diesem Spiel von Original und Fälschung auf die Spur zu kommen, hilft der Blick darauf weiter, was in beiden Fällen eigentlich zu sehen ist. Denn die Übernahme und Reproduktion der Motive ist nur scheinbar konsequent, tatsächlich aber liegt hier eine eminente Objektverschiebung verborgen.
Das Schlüsselwort ist der Blick.
Immer stehen zwei kleine Mädchen, uniform gekleidet, im Bildzentrum. Mal posieren sie für die Aufnahme, mal scheinen sie selbstvergessen im Spiel. Die Klammer aller Bilder jedoch und das,was sie wesentlich konstituiert, ist der Blick des Fotografen. Es ist der Blick des Vaters oder - seltener - der Mutter, der diese Wirklichkeit, die in den Fotos dokumentiert wird, ins Bild gesetzt und bedingt hat. Denn wäre dieser Blick nicht gewesen, so wäre damals vielleicht alles anders gewesen, möglicherweise nur ein wenig anders, aber es sind ja immer Nuancen, die den Akzent setzen.
Die Kinderfotos als solche sind zwar Realität, gleichzeitig aber auch etwas Realisiertes - die realisierte Vorstellung des Fotografen, eine Art mise en scène.

Claudia Grünig hat nun diese Kinderbilder als Ausgangsmaterial ihres neuen Bilderzyklus verwendet - und damit eine zweite Ebene eingeführt: den Blick auf den Blick.
Sie ist zugleich Betrachtetes und Betrachter. In der Synthese beider Positionen erschafft sie die für sie gültige und - wichtiger - die für sie wirksame Realität. Hier zeigt die Zeitlichkeit des Seins gleichsam im Spiegel auf sich selbst.
Das vordergründige Motiv der gemalten Bilder ist die Kinderszene, aber das Motiv der Malerin ist der Blick auf diese. Er steht für die von allen Bildern bezeugte, aber nie ausgesprochene Beziehung zwischen Kind und Eltern.
Dieser Blick bleibt nicht folgenlos. Er weist Positionen zu, denn wir sind immer auch, was andere in uns sehen. Der Blick des Fotografen wird nun seinerseits zum Objekt eines anderen Blicks.


Eine Realität wird ein zweites Mal, in ihrem Sinn nun, in Realität überführt.
Und damit ist ein dynamischer Prozess in Gang gesetzt: Denn der dritte Blick, der des Betrachters der Bilder, richtet sich auf den Blick der Malerin. Aber auch eigene Erinnerungen werden wach, und so weisen die persönlichen Erinnerungen Claudia Grünigs über sich hinaus in die Realität des Betrachters. Es stellt sich die Frage, wie kommt man eigentlich zu seiner eigenen Geschichte?
Im Betrachten dieser gemalten Erinnerungen wird klar, das sie nicht etwas Vorgefundenes ist, sondern dass wir sie gestalten. Die Vergangenheit ist nie fertig.
Die Sprache dieser Bilder entspricht in ihrer Eigentümlichkeit der Art und Weise, wie sich Erinnern vollzieht. Reales und Surreales flackern ineinander und beleuchten sich gegenseitig. So ist das mitunter Übertriebene der Farben, wie etwa die blaugrüne Wiese vor einem Wohnhaus nicht als Entfremdung der Wirklichkeit zu sehen, sondern ist im Gegenteil emotionale Verdichtung und mithin Postulierung der eigenen Erlebnisrealität. Aufbau und Proportionen werden beibehalten, aber die Akzente sind verschoben. Durch Überzeichnung hier und Auslassung dort wird eine Neugewichtung vorgenommen. Dem Wechsel von Spiel und Pose (die freilich auch ein spielerisches Element hat) entspricht die Alternierung von Selbstvergessenheit und Bewusstsein. Der Blick ruft aus der Selbstvergessenheit und zwingt zum Bewusstsein, somit zur Form. Er bleibt niemals folgenlos.
Er stellt den Kontext her. Unbeobachtet ist alles möglich, schaut aber jemand zu, verengt sich der Horizont, wird das Spielfeld begrenzt. Er ist die Qualifikationsrunde jeder Auseinandersetzung.
Diese Bilder kommen ohne Nostalgie aus; sie geben etwas preis ohne bloßzustellen. Sie hebeln den dokumentarischen Anspruch ihrer "Vor- Bilder" aus. Dem "So ist es gewesen!" kommen sie mit der Kraft des erlebenden Erinnerns bei.
Betrachten wir noch einmal die zwei kleinen Mädchen: Es sind Zwillinge, sie tragen die gleichen Kleidchen, halten die gleichen Lieblingstiere, präsentieren die gleichen Schultüten. Und sie erzählen zwei Geschichten.
Wie war es nun wirklich?

Und sachte, wie auf einem sanften Hang ins Rollen gebracht, setzt die Phantasie wieder ein. Klick.
Haruki Murakami, Der Bäckereiüberfall